Das Traumkino
11 Apr
Kinoliebhaber oder Cinephile, wie man hier zu Lande sagt, sind schon sehr seltsame Menschen. Sie fristen viele einsame Abende in Projektionsräumen, sinnieren stundenlang über die symbolische Bedeutung bestimmter Obstsorten in Filmen und führen auch schon Mal sehr lange Diskussionen darüber, ab welchem Zeitpunkt während des Abspannes und mit welcher Geschwindigkeit das Licht im Zuschauerraum hochgedimmt werden sollte.
Viele machen diese Arbeit ehrenamtlich. Der einzige materielle “Lohn” den wir für unsere Arbeit bekommen, sind Freikarten fürs Kino und ab und zu ein Eis oder ein chinesisches Essen. Davon kann man keine Familie ernähren, aber das ist uns so was von egal. Denn Kino ist unsere Leidenschaft. Wir sagen es zwar niemanden, aber wir würden noch Kino machen, wenn wir dafür eingesperrt würden. Wir würden jeden Tag zwei Stunden im Schneesturm barfuß laufen oder eine 300 m2 Leinwand mit der Zahnbürste putzen, wenn wir dafür nur Kino machen dürften.
Und weil der Film schon so eine Art von Kunst ist, die nicht so einfach mit dem Immobiliengeschäft oder simplem Produktion von Bohrmaschinen verglichen werden kann, sollte er auch als solche behandelt werden.
Welche Aspekte dieses weiten Feldes – Kino – uns besonders faszinieren, ist unterschiedlich. Für die einen ist es die Technik, für die anderen ist es die Macht mit ein paar Handgriffen und Knopfdrücken die Menschen in den Bann zu ziehen. Für mich sind es die Träume, die großen Gefühle und manchmal auch diese Ahnung die einen überkommt, wenn man das Produkt der Filmemacher sieht und merkt, dass der Regisseur, die Schauspieler und der Filmkomponist ihre Arbeit mindestens genau so gerne machen wie man selbst.
Natürlich träumen wir alle davon, ein Mal unser eigenes Kino zu besitzen. Kein Homecinema, sondern ein richtiges Kino.
Und wie sieht so ein Kino aus, ein Kino, das von Menschen betrieben wird, die den Job so gerne machen, dass sie nie wieder was anderes machen würden, die schönsten Sommerabende drinnen verbringen und niemals in Rente gehen? Das Traumkino des Kinoträumers? Auch darüber gibt es unter den Verrückten viele Diskussionen.
Manche kunstversierten Cinephile, stellen sich ihr Lieblingskino als ein kleines gemütliches Programmkino, mitten im Szeneviertel der Stadt vor. Es hat zwei bis drei Säle, und spielt ausschließlich gute Streifen, Blockbuster nur, wenn sie es wert sind, aber fast ausschließlich Arthousefilme und gewagte Reportagen über ausgebeutete Landstriche und ihre Menschen. Aber es gibt auch viele Sonderveranstaltungen wie Film-Theater-Fusionen, Reisevorträge aus exotischen Ländern und Filmkonzerte bei denen die Band selber moderne Kurzfilme aussucht, die sie dann mit klassischer Musik neu vertont… Ein kleines gemütliches Boehme–Stadtkino, wenn man so will, selbstverständlich in einem Gründerzeit-Altbau, mit einem Café zur Straßenseite hin. Dort kann man auch hingehen wenn keine Vorstellung läuft, einen Latte Macchiato trinken, über den Sinn des Lebens sinnieren und mit gleichgesinnten ungestört über Polanskis Regiearbeit diskutieren…
Nostalgiker stellen sich das Wunschkino alt und authentisch vor. Es sieht ungefähr wie folgt aus: Es sollte einen stilechten Anzeigestreifen mit Buchstaben zum Aufhängen haben. Dann muss es unbedingt einige Logen und/oder einen Balkon geben und die Inneneinrichtung soll ganz edel sein, alles aus rotem Samt, golden umrandet und geschnörkelt ohne kitschig zu sein. So dass man sich vorkommt wie in einer Oper. Dann gibt es ein großzügig gestaltetes Foyer mit ausladenden Showtreppen, Fußböden aus Marmor, saubere Toiletten aus Porzellan und kleine süße Kassenhäuschen.
Dieses Lichtspielhaus ist aber nicht nur reich ausgestattet, was den Innenausbau angeht, sondern auch vom Personal her. Hier arbeiten Kassendamen, Kartenabreißer, Popcorn- und Eisverkäufer mit Ausstrahlung und kümmern sich persönlich und zuvorkommend um die Gäste. Selbstbedienung ist hier ein Fremdwort, das Bier wird vom Fass gezapft und in edlen Glasbehältnissen gereicht.
Dieses Kino versteckt sich nicht in einer Seitenstraße, in einem Keller oder in einer Gallerie. Es steht in einer zentralen, belebten Stelle in der Stadt, direkt am Marktplatz. Dazu ein Vorplatz, großzügig gestaltet, mit Springbrunnen, geschnittenen Platanen und edler Beleuchtung.
Ein Solitärbau, der sagt: “Komm herein, ich bin das Kino, das wir alle lieben – das Herz dieser Stadt”.
Und dann gibt es auch noch das Studentenkino, wie ich es kenne. Da geht es weniger darum, wie das Kino aussieht und wo es steht als mehr um das Innenleben. Jedes Mitglied vom Verein hat das gleiche Mitspracherecht über die Auswahl der Filme und alle arbeiten mit. Vorführen, Pressetexte schreiben, Flyer designen, Deko aussuchen und Kabel verlegen; alles wird vorher ausdiskutiert und dann zusammen umgesetzt. Traditionell ist es so, dass die Studenten aus den Geisteswissenschaften sich dafür einsetzen, dass mehr “intelligente” Filme laufen, während die technikaffinen Leute auch gerne mal einen tollen Scifi-Film zeigen oder einen Kultschocker aus den Siebzigern. Es werden lange Diskussionen über die Getränkeauswahl geführt – darüber, ob bestimmte Colasorten zu kommerziell sind und dass der Verkauf von Biolimonade vielleicht zu pseudocool ‘rüber kommen könnte. Andere setzen sich mit Herzblut dafür ein, dass die Kinotechnik ausgebaut wird und alles wird von der Stadt oder der Uni gefördert. Das Kino kostet nur 3 Euro Eintritt für Studenten und es gibt KEIN Popcorn.
Ich habe schon viele Kinos gesehen. Es gibt die tollen Kinos in Stockholm, Kinos in alten Fabrikgebäuden, Kinos in Kellern, Kinos auf Dachböden. Kinos in denen der Projektor mit einem dazugestellten Ventilator belüftet wird, Kinos, die sich noch heute ihre Plakate von einem Künstler malen lassen, Dorfkinos, Open Air-Kinos, Schlosskinos, Wanderkinos….

... und es gibt auch stillgelegte Bahnhofskinos. http://www.flickr.com/photos/kuehnerschwenk/3275026120/
Keiner von den Kollegen, die ich nach dem Traumkino gefragt habe, sagte: “Es sieht aus wie eine große Betonkiste an der Stadtautobahn oder im Gewerbegebiet, in der die Zuschauer wie Schafe hinein- und heraus getrieben werden. Im Gewerbegebiet gibt es viele Parkplätze und die rechteckige Form lässt sich praktisch aufteilen, so dass der Raum optimal ausgenutzt und den diversen Aufgaben zugeteilt werden kann, die für einen reibungslosen Ablauf des Kinobetriebs sorgen.”
Die Betreiber solcher Kinos scheinen das aber zu glauben. Denn solche Kinos gibt es mittlerweile wie Sand am Meer und stellen eine ernsthafte Bedrohung für unsere Lieblingsorte dar. Es sind auch die gleichen Menschen, die sich unerlässlich darüber beschweren, dass nicht mehr genug Kunden ins Kino gehen und wenn, dass sie dafür nicht genug Geld ausgeben. Liegt das an den DVDs, die zu früh erscheinen, an der Vielzahl von Möglichkeiten, sich die Filme für wenig Geld im Internet zu besorgen oder aber vielleicht daran, dass ein heimisches Wohnzimmer meist mehr Gemütlichkeit ausstrahlt als ein, nach aufgewärmten Popcorn stinkendes, Multiplexkino? (Manche sagen es könnte am Preis liegen, aber das halte ich für üble Nachrede. Elf Euro fünfzig für eine digitale 3D-Projektion mit Überlänge ist doch fast wie geschenkt, oder?)
Nun haben wir als Gefühlsmenschen und/oder sehr schlecht bezahlte Filmvorführer ja wirklich nicht das Geld in Säcken zu Hause herumliegen und die ganze Umsetzung wird für die meisten von uns für immer ein Traum bleiben. Aber wir hoffen mit unseren Ideen, den geldaffinen Teilhabern der Aktiengesellschaften ein paar Vorschläge für die Zukunft geben zu können.
Und wenn Sie, liebe Zuschauer, in Zukunft eines der kleineren Kinos besuchen und sehen, dass es dort eine alternative Limonade zu kaufen gibt, die Eisverkäuferin mit ihrem Korb persönlich zu Ihrem Sitz kommt und der Vorführer vor dem Öffnen des Vorhangs, den mechanischen Gong erklingen lässt, dann denken Sie an uns, die Verrückten Kinoleute, die sich täglich über kleine und große Probleme den Kopf zerbrechen, nur damit Ihr Kinobesuch zu einem schönen, einzigartigen und authentischen Erlebnis wird.



Leider sieht die wirklichkeit manchmal anders aus.
Aber eines wird immer bleiben: KINO kann man riechen! Und erst recht die die seit Jahren im Kino arbeiten.
Was wäre die Welt ohne Kino. Zwei Stunden aus dem alltag fliehen und sich zurüchlehnen und staunen, weinen, lachen.
Kino ist und bleibt das schönste!