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Incendies – Denis Villeneuve

28 Mai

Ich hatte letzten Sommer die große Freude, in einer kleinen intimen Gesprächsrunde den kanadischen Regisseur Denis Villeneuve kennen zu lernen. Das Thema, welches wir behandelten, war Gewalt in Filmen. Denis erklärte uns, dass sein Film, der am selben Abend Weltpremiere hatte, in erster Linie von Gewalt handele.

Denis Villeneuve in Venedig. Foto von Thomas Smolders.

Was wir an dem Abend sahen, hat uns allen die Schuhe ausgezogen.

Incendies spielt in Montréal, Quebec, und einem fiktiven Land in dem ein Krieg herrschte. Anlehnungen an diverse Länder im Nahen Osten sind hier offensichtlich. Die Geschichte beginnt damit, dass zwei Geschwister bei der Öffnung des Testamentes ihrer Mutter erfahren, dass sie einen Bruder haben. Weiter fordert das Testament sie auf, ihren Bruder und ihren Vater zu finden – eine Reise, die die beiden an die Grenzen ihrer Kraft führt.

Der Film fesselte mich von der ersten Sekunde an. Das lag zum Teil auch an dem Song “You and whose army“, mit dem der Film begann, aber auch an der beeindruckenden Art und Weise, wie Villeneuve die Gefühle und Bilder einfängt.

Die Geschichte geht durch Zerstörung und Verwirrung, Hoffnung und Niederlage. Und das auf eine Art und Weise, die einen keine Sekunde loslässt.

Die Gewalt in dem Film kommt dabei ganz natürlich vor, und das auf eine Art und Weise, die es um ein vielfaches schlimmer macht, als übertriebene Gewalt. Die Story ist am Ende so verdreht und erfährt so viele Wendungen, dass man zum Schluss einfach nur noch verblüfft und schockiert ist.

Incendies ist ein wichtiger Film, ein Meisterwerk und ein Film, den man nicht so schnell vergisst.

Wir haben damals mit den 27 Jugend-Juroren entschieden, Incendies den Preis als besten Film der Giornate Degli Autori zu geben. Aber ehrlich gesagt: Es war der beste Film letzten Sommer beim Filmfestival in Venedig.

Angeschaut: Die Fremde von Feo Aladag

9 Dez

Die Fremde von Feo Aladag hat den LUX Filmpreis gewonnen. Das ist toll und freut mich ganz besonders. Ich hatte auf dem Filmfestival in Venedig die Chance, die drei Finalfilme für den LUX Filmpreis zu sehen. Alle waren ausgezeichnete Filme, aber Die Fremde war definitiv der Beste.

Wir zeigen die Fremde auch in unserem LUX Filmfestival. Das solltet ihr euch nicht entgehen lassen.

Die Fremde ist die Geschichte von Umay, einer jungen Türkin. Gelangweilt, geschlagen und vernachlässigt von ihrem Ehemann bricht sie in’s liberale Deutschland auf, um dort mit ihrem Sohn bei ihrer Familie ein neues Leben aufzubauen. So weit, so gut.

Zu ihrem Schrecken stellt sie aber dort fest, dass ihre Familie in genau den gleichen patriarchischen Strukturen lebt und deshalb nicht akzeptiert, dass sie ihren Mann verlassen hat. Es folgt der Versuch sie umzustimmen, vergebens. Auch wenn Umay durch Fleiß, Ehrgeiz und Ehrlichkeit probiert, den Haussegen wieder herzustellen. Schließlich sieht die Familie ihre Ehre als zerstört an und berät, wie man diese wieder herstellen kann.

Feo Aladag hat mit Die Fremde angefangen, nachdem sie für Frauenrechtsorganisationen gearbeitet hat. Das Resultat ist ein aufgeklärter und informierter Film. Ein Film der es schafft, mit wenig Pathos zu bewegen. Was der Spiegel reißerisch als “Ehrenmord-Drama” bezeichnet ist viel mehr als das. Es ist eine Beobachtung komplexer Zustände ohne aber jemals eine Schuld zuzuweisen. Denn, und das macht dieser Film klar, es ist nicht alles schwarz und weiß.

Ich hatte die Chance mit Feo Aladag mittags im Garten unserer Villa noch etwas über den Film zu reden. Sie erzählte dabei, dass die Auswahl von Sibel Kekilli fast auf der Hand lag. Und das ist für den Film ein echter Glückstreffer – Sibel, die bekannt wurde durch “Gegen die Wand” trägt die Geschichte durch den ganzen Film durch. Aber auch die anderen Schauspieler an den deutschen und türkischen Originaldrehorten überzeugen auf ganzer Länge.

Die Fremde ist einer der besten Filme, die dieses Jahr aus Deutschland kamen. Wenig Pathos, wenig Verurteilung, dafür aber viel Detail und Aufmerksamkeit. Eigentlich sagt der Trailer alles.

Angeschaut: Somewhere

7 Dez

Hollywood-Star Johnny Marco (Stephen Dorff) führt ein Leben auf der Überholspur. Sein Alltag besteht neben Presseterminen und Fotoshootings vor allem aus wilden Parties, Alkohol und leicht bekleideten Frauen. Ein solcher Lebenswandel erlaubt nur wenig Zeit für die 11-jährige Cleo (Elle Fanning), seine Tochter aus gescheiterter Ehe. Doch als seine Ex-Frau für unbestimmte Zeit verreist, muss Johnny für einige Wochen auf Cleo aufpassen und nähert sich dem selbstständigen und intelligenten Mädchen langsam an.

Der Fokus von Somewhere liegt neben der Vater-Tochter-Beziehung auf dem Eintauchen der bescheidenen Cleo in die oberflächliche Scheinwelt Hollywoods. Die Darstellung dieser Glamourwelt ist bis ins Detail wunderbar gelungen. Die zelebrierte Oberflächlichkeit innerhalb des überwältigenden Protzes, die in der verrückten Reise nach Mailand zu einer italienischen Awardshow gipfelt, wirkt völlig grotesk und ist zugleich herrlich amüsant, nicht zuletzt dank clever platzierter Seitenhiebe.

Auch die Bilder wissen zu gefallen und überzeugen durch eine sehr ruhige Inszenierung. Die Kamera bleibt immer beobachtend und zurückhaltend. Kenner von Sophia Coppolas Werk fühlen sich hierbei, im positiven Sinn, unweigerlich an Lost in Translation erinnert. Die konsequente Darstellung dieser abgehobenen Gesellschaftssphäre nagt allerdings ab und an an den Nerven des Zuschauers und ist gleichzeitig die grösste Schwäche des Films. Die Figuren verbleiben nämlich ebenfalls sehr oberflächlich, menschliche Emotionen haben einen sehr schweren Stand. Passenderweise wird Cleos Gefühlsausbruch sofort vom scheinbar unantastbaren Johnny sofort im Ansatz erstickt. Als er schliesslich doch noch zur Selbsterkenntnis gelangt und seinen nutzlosen Lifestyle in Frage stellt, wirkt dies ein wenig aufgesetzt und eher wie ein halbgarer Versuch, dem Film doch noch etwas mehr Tiefe zu verleihen. Was bleibt ist ein sehr unterhaltsamer und clever inszenierter Einblick in die Welt der Stars und Sternchen, der letztlich jedoch an seiner eigenen Oberflächlichkeit zu scheitern droht und deshalb nicht an die Qualität von Lost in Translation oder The Virgin Suicides anzuknüpfen vermag.

Filminfo

Land: USA, 2010

Regie: Sophia Coppola

Darsteller: Stephen Dorff, Elle Fanning, Chris Pontius